Nathan J. Laube Portrait

Die Seele der Orgel zum Sprechen gebracht

Nürtinger Zeitung

By Helmuth Kern

10/14/14


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NÜRTINGEN. Den international renommierten amerikanischen Orgelkünstler Nathan J. Laube für ein Konzert im Rahmen der 10. Nürtinger Orgeltage zu gewinnen, das war von den Veranstaltern Andreas Merkelbach, Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo ein Glücks-griff. In ihrem „10. Geburtsjahr“ erlebte die Goll-Orgel ein meisterhaftes Orgel- konzert, in dem sie ihren Reichtum an Registern und Klangfarben in einer überaus stringenten und subtil aufeinander abgestimmten Programmfolge vor zahlreichem Publikum entfalten konnte.

 

Diesen Reichtum arbeitete der junge, alle Werke auswendig spielende Orgel-virtuose – der in Stuttgart 2012/13 ein weiteres Masterstudium mit der best-möglichen Bewertung abgeschlossen hat und ein gefragter, mit zahlreichen Prei- sen ausgezeichneter Konzertorganist ist – in den vier Werken des Abends ein- drücklich heraus. Wer ihn bei seinem Orgelspiel sehen konnte, dem wurde klar, dass hier ein inspirierter und hoch- sensibler Musiker gleichsam eine Ein- heit mit seinem Instrument bildete: sub-tiler Anschlag, elegante und äußerst lo- ckere Pedaltechnik, meisterhafte Inter- pretation.

 

Was Laube besonders auszeichnet, das ist seine Feinfühligkeit für die Klangfar- be, seine Fähigkeit, das Schwellwerk der Goll-Orgel im Dienste der musikali- schen Struktur der Werke einzusetzen, Klangräume zu schichten, Nähe und Ferne von Klängen herauszupräparieren – die „Seele“ der Orgel sprechen zu lassen. Laubes meisterhafte und einfalls- reiche Registrierungskunst stand immer

im Dienste der Werke; sie zum Klingen und Strömen zu bringen, das überzeugte und zeigte sich am Ende im reichen Applaus des begeisterten, tief beeindruckten Publikums.

Am Anfang stand die ihrer techni- schen Schwierigkeit wegen selten ge- spielte Toccata und Fuge in E-Dur (BWV 566) des jungen Johann Sebastian Bach, um 1707 in Arnstadt wohl ganz unter dem Einfluss des norddeutschen Orgel- musikschaffens um Dietrich Buxtehude entstanden. Auf majestätische Pracht- entfaltung hin ist die Toccata konzipiert mit ihren wuchtigen, teils neunstimmigen Akkordpartien über kräftigem Or- gelpunkt und dem im achten Takt ein- setzenden volumenreichen, interessant phrasierten Manualsolo. Ihr kontrastierte Laube die Fuge in luzider und der polyfonen Linienführung nachspürender Registrierung.

 

Laubes kongeniale Transkription für Orgel der „Variations serieuses“ op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1841 für Klavier komponiert, war ein sehr sensibel und eindrücklich registriertes Klanggemälde. Die insgesamt 17 Variationen über das liedhafte Thema gehen ineinander über. Arpeggien und Akkordfolgen spielte er filigran, Läufe perlend und durchsichtig. Er setzte kontrastreiche Register, die den einzelnen Variationen Farbe, Raumtiefe, Spannung gaben und ihre jeweilige Stimmung unterstrichen. Laube arbeitete den großen, weit gespannten romantischen Gestus bis hin zum im Piano zerfließenden Schlusston mit großer Musikalität heraus.

 

Stimmig schloss sich das „Adagio und Allegro“ in f-Moll KV 594 von Wolfgang Amadeus Mozart an, geschrieben Ende 1790 „für ein Orgelwerk in einer Uhr“, einer Flötenuhr. In unnachahmlicher Verhaltenheit und in zarten Klangfarben spielte Laube die breit angelegte, melancholische Melodie des Adagios und setzte dann in prachtvoller Vielfarbigkeit das leidenschaftliche Allegro, in dem Mozart die Melodie gleichsam konzertant entwickelt. Laubes Orgelkunst verlieh ihm im letzten Teil – einem Adagio –

eine vokale Wirkung. In ihrer Verhalten- heit erinnert sie den Anfang dieses relativ kurzen Werkes voll spannender musikalischer Einfälle. Laubes Interpretation machte die ursprüngliche Funktion dieses Auftragswerks hörfällig: eine „Trauer Musique“, „Komposition von Hrn. Kapellmeister Mozart“, für eine Hommage an den ruhmreichen österreichischen Feldmarschall Laudon, Sieger über Friedrich den Großen. In einer Inszenierung der lebensechten Wachsfigur des Feldmarschalls in einer Art Mausoleum in der „k. k. privilegierten Kunst-galerie“ in Wien erklang eine Flötenuhr.

 

Dort war vermutlich stündlich im Wech- sel mit dem „Adagio und Allegro“ ein zweites Werk Mozarts zu hören.

Mit Franz Liszts breit angelegter Phantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem“ beschloss der brillante Konzertorganist das Programm. Liszt schätzte das Werk Bachs sehr, er war an der Gründung der Deutschen Bachgesellschaft beteiligt. Als er 1850 in Dresden Giacomo Meyerbeers Oper „Der Pro- phet“ – ein Appell für Freiheit und gegen die Unterdrückung – hörte, war das der Anlass für sein Orgelwerk über den Choral der im dritten Aufzug auftretenden Wiedertäufer „Ad nos, ad salutarem undam Iterum venite miseri!“ („Zu uns, zur rettenden Woge, kehrt zurück, ihr Elen- den! Kommt zu uns, ihr Völker!“). Das Werk ist eine fast halbstündige technisch äußerst anspruchsvolle Phantasie, in der der Choral immer wieder als Leitmotiv aufscheint: „in ganz neuer und freier Form geschrieben“ (Liszt). Laube spielte die unterschiedlichen Charaktere des Choralmotivs ungemein spannungsvoll in Dynamik und äußerst vielfältiger Registersetzung. Man meinte, den Klang- körper eines Sinfonieorchesters zu hören, so großartig gestaltete Laube die Transformationen und Variationen, in denen immer wieder Bach’scher Gestus anklingt, bis hin zum apotheosehaften letz- ten Aufscheinen des Chorals der in strahlendem, Freiheit verkündenden C-Dur endet.

 

In seiner Zugabe bedankte sich Laube mit dem subtil gespielten langsamen Satz der „Symphonie gothique“ c-Moll op. 70 von Charles Marie Widor. Der Abend machte deutlich: Die Nürtinger Orgeltage bewegen sich auf internationalem Niveau. Welch ein Gewinn für diese Stadt!

 

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